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Brasilien - Teil 2: Von der Ilha Santa Catarina nach Uruguay

Nach dem ersten Teil von Paranagua bis zur Ilha Santa Catarina führt diese Strecke durch die südlichsten Bundesstaaten Santa Catarina und Rio Grande do Sul. Fortgesetzt wird es dann in Uruguay.

Sitio Dos Tucanos - Garopaba

106 km, 1130 hm

Zurück auf das Festland fahre ich über den Berg direkt hinter der Pension auf die der Küste gegenüberliegende Westseite der Insel. Von hier kann man auch den See im Inneren der Insel sehen. Bis zur Brücke kann man einige Radwege benutzen, insbesondere an dem Stück parallel zur Küste gibt es einen extra Weg zwischen Strasse und Meer. Viele ignorieren, dass das Angeln auf der Brücke verboten ist. Und das sogar erfolgreich, denn die Fische liegen an der Seite.

Auf der anderen Seite geht es durch die Stadtteile São Jose und Palhoca, wo ich an den sehr schön gestalteten Uferpromenaden entlangfahre. Danach muss ich 40 km Bundesstrasse fahren. Die ist zwei-oder dreispurig mit viel Seitenstreifen. Das ist ein bisschen wie auf der Autobahn, allerdings mit 100 km/h Beschränkung (für die Autos). Wieder aufkommende Zweifel, ob das wirklich erlaubt ist, zerstreut die Radspur bei der Mautstelle. Fahrräder sind immerhin frei. Unschön sind allerdings die 3,5 Kilometer mit fehlendem Seitenstreifen. Ich habe Glück, dass davon nur ein Kilometer bergauf führt.

In Garopaba finde ich dann einen geöffneter Campingplatz. Aber wie schon beim letzten Zelten im Parque das Aves, gibt es auch hier abends wieder ein Gewitter. Auf dem Platz gibt es einen überdachten Grillplatz, auf dem ich abends noch sitzen kann und mein Tagebuch schreiben kann.

Garopaba - Tubarão

85 km, 670 hm

Wind aus Südwest, in Böen bis 44 km/h laut Wettervorhersage. Natürlich musste ich genau nach Südwesten fahren. Noch dazu größtenteils auf der Bundesstrasse. Schön war allerdings die Mittagspause im verschlafenen Itapirubá. Dort hatten alle Läden Mittags (oder vielleicht auch schon länger) geschlossen und ich habe deshalb auf einer kleinen Anhöhe gepicknickt. Beim Blick in die Bucht konnte ich dabei die Wale beobachten, die ich eigentlich schon letzte Woche auf der Insel erwartet hatte. Die Bucht erscheint flach, trotzdem tummeln sich mehrere der riesigen Tiere dort. Es handelt sich dabei um Südkaper, die im Winter hierherkommen, um ihre Jungen aufzuziehen (siehe Baleiafranca).

Abends gehe ich Pizza-Essen. Es gibt eine Art Büffet, das sich Rodizio nennt: man kann sich Beilagen beliebig nehmen und der Kellner kommt dann rum und bietet verschiedene Sorten Pizzastückchen an.

Tubarão - Camping Bom Jardim da Serra

86 km, 1780 hm

Glücklicherweise gibt es schon ab sechs Uhr Frühstück, so dass ich früh losfahren kann. Der Passstrasse durch die Serra do Rio do Rastro liegt vor mir und ich habe davor noch einige Kilometer Anfahrt. Am Morgen liegt das Tal bis Orleans noch im Nebel. Die Bundesstrasse ist teilweise neu angelegt und auf Openstreetmap noch nicht aktualisiert. Der Verkehr ist spärlich aber breit gefächert: ein Ochsenkarren, Leute mit Säcken auf Fahrradanhängern und ein Elektrorad. Das erste, das mir in Brasilien auffällt. In Lauro Müller beginnt dann langsam der Anstieg. Die Strasse ist sehr reizvoll angelegt. Zunächst führt sie stetig an einem Bergrücken hoch und bewältigt die letzten Höhenmeter dann in engen Serpentinen. Es ist eng, LKWs begegnen sich fast im Stand. Aber es gibt wenig Verkehr.

Oben gibt es Restaurants und Kioske. Dort gibt mir ein Pärchen aus Curitiba den Tipp, dass ganz in der Nähe ein Camping ist. Der Campingplatz steht noch ganz am Anfang und es gibt eigentlich keinerlei Hinweise darauf. Er besteht aus einem leergeräumten Stall. Mein Lohn-Bier (heisst wirklich so) und die Salami vom Kiosk ergänzen die Beiden aus Curitiba um eine Auswahl von Wurst und Käse.

Wir unterhalten uns in einem Mix aus englisch (sie und ich), portugiesisch (er und sie) und spanisch (ich). So erfahre ich, dass sie mit ihren Fahrrädern runtergefahren sind und per Anhalter wieder rauf.

Die Gegend ist die kälteste in Brasilien und die Brasilianer kommen hierher um mal echten Schnee zu sehen - oder zumindest Reif. Während ich die Einträge für das Tagebuch zusammenzittere, kommen Zweifel auf, ob man diese Gegend im (Süd-)Winter unbedingt in seine Tourenplanung aufnehmen muss. Dagegen hilft erstmal ein heisser Traubensaft. Und selbst in der klaren Nacht bleibt die Temperatur noch deutlich über dem Gefrierpunkt und ich schlafe ausgezeichnet. Zugegeben, in einem vor der Reise noch aufgefrischtem Daunenschlafsack.

Camping Bom Jardim da Serra - Camping Libre

49 km, 970 hm

Das Frühstück ist einfach aber reichlich und es gibt frisch gebackene Käsebrötchen. In der Nähe ist ein Aussichtspunkt, wo man einen kleinen Canyon ansehen kann. Danach gibt es Windräder und Kühe zu sehen. Abwechselnd und auch zusammen. Den Windpark werde ich heute noch den ganzen Tag sehen, denn auf Forstwegen schlängele ich mich horizontal und vertikal sehr langsam Richtung Tagesziel: die Pousada Monte Negro. Wegen eines Planungsfehlers erreiche ich die aber nicht: mein geplanter Weg verlor sich irgendwann in der Landschaft. Der Karte kann ich den Fehler nicht zuschieben, dort war der Weg korrekt als Pfad eingetragen. Und mehr war es auch nicht. Statt umzukehren habe ich dann einen anderen Weg probiert, der gar nicht in der Karte war, und an einer verlassenen Finca endete. Deshalb schreibe ich heute im Zelt, während der Regen gemütlich auf das Dach prasselt. In der Gegend bieten die Täler gute Möglichkeiten zum Zelten und man findet immer wieder nicht eingezäunte Bereiche.

Camping Libre - Sao José dos Ausentes

46 km, 760 hm

Der Regen lässt pünktlich am Morgen nach. Am Strassenrand kurz nach meinem Zeltplatz steht ein ausgeschlachteter Bus, wo jemand im Cockpit hantiert. Wahrscheinlich wird er als Unterkunft genutzt.

Silveira ist der einzige Ort, den ich heute passiere. Er besteht aus wenigen Häusern und einem Restaurant. Es ist sehr gemütlich, man sitzt wie im Wohnzimmer. Ich bin sogar zur richtigen Zeit dort und es gibt noch Mittagessen. Ich versuche es mal vegetarisch und bekomme Reis mit schwarzen Bohnen, Pommes und Tomaten. Ein Vertreter für Landmaschinen ist der andere Gast. Mit Deutschland assoziiert er Michael Schumacher, zu dessen Gesundheitszustand ich aber auch keine Aussagen machen kann. Zu meiner Überraschung darf ich beobachten, wie der Schrotthaufen von Bus vorbeifährt. Ein TÜV Prüfer wäre jetzt sicher dem Herzinfarkt nahe.

Danach wird die Piste breiter, aber auch lehmiger. Ein bekanntes Problem mit Lehmpisten taucht wieder auf: der Lehm klemmt sich unter dem Schutzblech fest. Die Ritzelkassette wird zu einem einzigen Lehmklumpen. Praktisch, dass in Sao José Hotel, Tankstelle und Waschanlage direkt nebeneinander liegen.

Die Landschaft aus Weiden und Araukarien bleibt den ganzen Tag diesig. Das Fotoalbum bleibt leer, die Hügel und Bachtäler manifestieren sich an diesem Tag nur im Höhenprofil.

Sao José dos Ausentes - Cambará

52 km, 820 hm

Der erste und der letzte Teil (ab der Ortschaft mit dem Namen Oswaldo Kroeff) sind geteert, dazwischen ist “Estrada de Terra”. Aber heute geht es ohne die gefürchtete Lehmschlacht. In Cambará gönne ich mir erstmal eine leckere Waffel und suche mir dann ein Quartier für die nächsten drei Tage. Von dort mache ich einen Tagesausflug zum Canyon da Itaimbezinho. Wahrscheinlich wäre von dort die Abfahrt nach Praia Grande (das kein Strand ist und nicht am Meer liegt) auch ganz reizvoll, aber ich möchte noch oben bleiben und nach Gramado weiterfahren.

Cambará - Gramado

111 km, 1000 hm

Auf der ab hier geteerten Ers-020  gleite ich bestens vor mich hin. Es gibt kaum Verkehr. Nachmittags bin ich in Canela, das in der Gegend nach Gramado bekannteste Ziel für Touristen. Neben der Kathedrale ist ein Häuschen, wo man sich Fotos mit Schneehintergrund machen lassen kann. Bei 20 Grad kommen aber so richtige Wintergefühle nicht auf.

In unmittelbarer Nähe neben dem Campingplatz in Gramado befindet sich ein Delikatessenladen und Restaurant, wo es gute(s) Schopp(en) gibt und Leckereien zum Mitnehmen.

Viele Hotels und Pensionen versuchen sich darin, einen alpinen Eindruck  zu machen. Mir fehlen an Gramado aber einfach die Berge. Es liegt zwar noch auf einer Höhe von 800 Metern, es ist aber weitgehend eben. Einen bergigen (oder besser hügeligen) Eindruck gibt es erst bei der Weiterfahrt.

Gramado - Camping libre

114 km, 700 hm

Von Gramado nehme ich die Ers-115, an der mehrere Städtchen liegen und wo bis Taquara relativ viel Verkehr ist. Ab dort wird es dann ruhiger. Im Ort mit dem sperrigen Namen Santo Antonio da Patrulha finde ich noch ein Restaurant mit Büffet und ich packe mir schon mal Proviant für den Abend ein. Ich habe mich nämlich entschieden, Richtung Capivari do Sul den kürzeren aber ungeteerten Weg zu nehmen. Das ist auch gut so, denn während ich die alternative B-280 überquere, sehe ich dort zum ersten Mal ein Radverbotsschild an einer Bundesstrasse.

Es ist heiss und die Piste ist sandig. Ich besorge mir noch Wasser in einem Dörfchen und kampiere dann auf einem kleinen Hügel, von wo man nachts die nächstgelegene Stadt und die blinkende Beleuchtung einer Landebahn sehen kann.

Camping libre - Cassino

340 km ohne Höhenmeter (3 Tage)

Von diesem Hügel muss ich dann für die nächsten 3 Tage Schwung nehmen. Auf der Landzunge zwischen der riesigen Lagoa dos Patos und dem Atlantik verläuft der letzte Zipfel der brasilianischen Küstenstraße BR-101. Sie ist hier durchgängig in mal mehr und mal weniger gutem Zustand asphaltiert. Der Verkehr ist spärlich und man kann in Ruhe die Umgebung geniessen. Die besteht aus Weiden und großen Wasserflächen. Oft weiden Kühe und Pferde auch im Wasser. Dazwischen sind auch manchmal Nandus und eine Menge weiterer Vögel zu sehen. Ich kenne die meisten Arten nicht. Einige davon erinnern an Störche. Zumindest an solche, die den ganzen Tag mit Krafttraining verbringen.

Der Wind schiebt mich meistens gut an und ich finde Gefallen an der oft schnurgeraden und völlig ebenen Strecke. Bei dieser monotonen Kurbelei muss ich unterwegs immer mal Bewegungsübungen machen, weil die Hände einschlafen oder der sich der Rücken oder Nacken bemerkbar machen. Bisher hatte ich damit keine Probleme.

Camping ist nicht ganz einfach, weil fast alles eingezäunt ist. Auch die Kiefernwäldchen zwischen den Weiden sind Kulturen zur Gewinnung des Harzes. Bei der ersten Übernachtung überraschen mich Kröten, die sich zu einem derart lauten Chor steigern, dass ich nur mit Ohrenstöpseln schlafen kann. Das Meeresrauschen bei der zweiten Übernachtung ist da schon gefälliger.

Auf der Fähre nach Rio Grande bekomme ich den Tipp, noch nach Cassino weiterzufahren. Dem folge ich dann auch, weil mich Rio Grande nicht sonderlich anspricht.

Cassino - Camping Libre Posto

164 km

Eine Stunde gegen den Wind, dann fünf Stunden mit dem Wind, das ist heute der Deal. Der Rückenwind ist enorm und diese Tagesetappe ist die längste, die ich jemals gefahren bin.

Ich frage mich schon, ob ich damit aus dem Land gefegt werden soll. Aber so schlecht habe ich mich doch gar nicht benommen! Vielleicht soll ich auch noch schnell ausser Landes, bevor doch noch etwas geklaut wird. Anfangs hatte ich schon das Gefühl, dass jederzeit jemand kommen würde, und sich mit dem Fahrrad und dem restlichen Besitz aus dem Staub macht. Mit der Zeit hat sich das normalisiert und ich hatte mit den üblichen Vorsichtsmassnahmen ein gutes Gefühl.

Die Landschaft ist ähnlich wie schon vor ein paar Tagen auf der B-101. Nur die Ländereien sind größer. Zwischendrin ist auch noch ein Naturpark mit größeren Wasserflächen, wo es sehr viele Wasserschweine gibt, wie man leider an den Überresten in unterschiedlichem Verwesungsgrad feststellen muss. Es leben auch viele kleine Nager am Strassenrand, die ein bisschen an Murmeltiere erinnern. Die sind jedenfalls geschickter beim Überqueren der Strasse.

Am Nachmittag fahre ich dann in ein Gewitter. Der Wind und Regen kommen mir nun entgegen. Da es auch anfängt zu grollen und zu blitzen, frage ich bei einer Tankstelle und kann im Haus nebenan unter einem Vordach zelten.

Camping Libre Posto - La Coronilla

106 km

Das anvisierte Ziel schaffe ich an diesem Tag nicht, weil ich drei Gewitter über mich wegziehen lassen muss. Das erste kann ich noch an der nächsten Tankstelle aussitzen (Tankstellen sind ungefähr im Abstand von 40 km auf der Strecke verteilt). Das nächste erwischt mich dann auf freiem Feld zwischen einige Kilometer vor Chui. Ein Bauer bietet mir einen Platz in seinem Schuppen. Beim dritten bekomme ich einen kostenlosen Kaffee in der Tankstelle bei La Coronilla. Das Hotel dort hat geschlossen, aber die Verkäuferin im Supermarkt vermittelt mir eine kleine Hütte in der Nähe. Wie schön, dass ich mich jetzt in Uruguay besser verständigen kann. In Brasilien hätte das sicher nicht geklappt. Obwohl es von den Vokabeln und der Grammatik gar nicht so weit von spanisch entfernt ist, konnte ich die Aussprache nicht entschlüsseln. Hier die beiden Highlights meiner Kommunikationsversuche.

Ich: “Einen Apfeltee, bitte.” (“Un Cha Maza”)

Antwort: “Die Nudeln mit Bolognese?”  (Massa bolonhesa?)

Die Verkäuferinnen haben sich jedenfalls bestens amüsiert. Oder in einer Tankstelle:

Ich: “Cafe con leite, por favor.” (Kaffee mit Milch, bitte)

Antwort: “Quere internet?” (Brauchst Du Internet?)

Bezüglich der Strasse würde ich sagen, dass es auf der uruguayischen Seite keinen großen Unterschied gibt. Ein Seitenstreifen ist auf beiden Seiten vorhanden. Manchmal allerdings so schlecht, dass ich lieber auf der Strasse gefahren bin. Was aufgrund des geringen Vekehrsaufkommens auch funktioniert. Man muss nur Platz machen, wenn es mal enger wird.