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Mit dem Containerschiff nach Brasilien

Meine Reise beginnt im Containerhafen von Antwerpen, der ungefähr 20 km von der Stadt entfernt liegt. Das ist die erste Strecke, die ich mit dem Rad fahre. Ursprünglich wollte ich von Kassel oder zumindest von Essen zur Einstimmung schon mit dem Rad anreisen. Aber die Zeit hat dafür nicht gereicht, es war doch bis zum Schluss noch zu viel zu erledigen.

Das Hafengebiet ist riesig, erstaunlicherweise gibt es überall Radwege. Am Terminal stehen Unmengen von LKW Schlange. Ein Schiff, das knapp 5000 Container (9600 TEU) fasst, will beladen sein. Beim zweiten Versuch bin ich am richtigen Terminal und werde per Bus zum Schiff gebracht. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad darf man sich auf dem Gelände nicht bewegen. Es wird einem schnell klar, warum: Überall fahren Kräne, die bis zu 3 Container übereinander stapeln können.

Über die Gangway komme ich auf das Schiff. Kapitän und der “Chief” begrüssen mich. Später gibt es noch eine Sicherheitsanweisung von der “Dritten”. Die Besatzung spricht sich untereinander mit dem Dienstgrad an. “Chief” ist dann der erste nautische Offizier, “zweiter” und “dritter” entsprechend. Das greift auch auf mich über: “Passenger, want some eggs?”, fragt der Stewart. Ich bin auch der einzige Passagier auf diesem Abschnitt.

Es wird noch geladen, weiter geht es am nächsten Morgen durch den Kanal. Da ist einiges an Schiffsverkehr und im Hintergrund sind die Felsen von Dover zu sehen. Abends wird in Le Havre festgemacht. Dort kann ich am nächsten Tag an Land gehen. Der Seaman’s Club sorgt für den Hin- und Rücktransport in die Stadt.

Abends geht es dann schon weiter. Dreizehn Tage auf See liegen vor mir. Erst wird die Biscaya durchquert, dann geht es mehr oder weniger geradlinig mit Kurs 270 Grad Richtung Südwesten. Dabei passieren wir Madeira und die Kapverdischen Inseln. Nicht nur die Biscaya ist sehr ruhig sondern die komplette Überfahrt. Die Tabletten gegen Seekrankheit habe ich nicht gebraucht. Auch nicht den Whisky für kalte Tage: es ist ja bei uns auf der Nordhalbkugel Hochsommer und der Zielhafen Paranaguá liegt nicht so weit südlich, dass es dort schon kalt wäre.

Nach einigen Tagen auf See ist dann auch Zeit für eine Besichtigung des Maschinenraums. Die Hauptmaschine hat 55 Tausend PS. Das Schiff wurde in Korea gebaut, der Motor in Lizenz von MAN B & W gebaut. Der Motor läuft langsam (max 80 Umdrehungen/Minute) und es gibt kein Getriebe. Man kann direkt die Antriebswelle sehen. Ein fast drei Meter hoher Ersatzzylinder steht neben der Maschine.

Es ist laut, es vibriert, es riecht nach Öl. Aber es ist alles tip-top sauber. Im Kontrollraum sieht aus wie im Elektrizitätswerk. Was das Schiff ja eigentlich auch ist, denn neben der Hauptmaschine können fünf weitere Dieselgeneratoren über 20 Megawatt Strom erzeugen.

Darauf warten vor allem die Kühlcontainer und bei Manövern auch Bug- und Heckstrahler. Momentan läuft nur ein Generator, denn es müssen nur 560 von maximal 2000 Kühlcontainern versorgt werden. Neben den Maschinen ist noch eine halbe Raffinerie zur Aufbereitung des Schweröls nötig. Seit diesem Jahr muss die Versorgung in Küstennähe auf Schiffsdiesel umgestellt werden. Zumindest in Europa.

Auf See ist auch Zeit, den Flaggenwechsel von Luxemburg nach Portugal (Madeira) zu manifestieren. Dazu wird der neue Heimathafen Madeira unter anderem auf allen Rettungswesten geschrieben. Zu den Sicherheitsübungen werde ich nicht eingeladen, zum Grillfest am Samstagabend dann schon.

Insgesamt fünf mal wird die Uhr zurückgestellt. Die Tage werden ständig kürzer. Den Äquator scheiden wir bei bei 31 Grad West. Maschinenleute werde da bei der ersten Überquerung mit Schweröl getauft. Das bleibt mir erspart, eine Urkunde gibt es trotzdem.

Schiffe sieht man selten. Auf der elektronischen Seekarte sind einige zu sehen, die ihren Standort per Funk melden. Für Abwechslung sorgen fliegende Fische. Vögel sehe ich erst wieder in der Nähe der ersten brasilianischen Insel. Später kann ich auch einen Wal sichten. Entlang der Küste ist die Einsamkeit dann vorbei: es gibt Fischerboot, Schiffe, Bohrinseln.

Santos ist der erste brasilianische Hafen, den wir ansteuern. Hier gibt es direkt am Hafen einige Läden und Restaurants. Es gibt einen Radweg und es sind viele mit  Fahrrädern unterwegs. Die bestehen hauptsächlich aus Rahmen und allem was unbedingt zum Fahren gebraucht wird. Licht zum Beispiel gehört auf keinen Fall dazu. Welch krasser Unterschied zu dem High Tech Gefährt, dass ich mitgebracht habe.

Die Ausschiffung ist dann in Paranaguá am nächsten Tag. Schon die Anfahrt geht nicht ganz nach Plan: das Schiff fährt über Nacht mit Höchstgeschwindigkeit, um dann kurz vor Ankunft mitgeteilt zu bekommen, dass es noch nicht einfahren kann. Die vorher mühsam eingesparte Schweröl wurde umsonst verheizt.

Wie im Großen, so im Kleinen. Ein Agent des Hafens soll mir bei den Formalitäten helfen. Der kann aber an der zweieinhalbstündigen Mittagspause des zuständigen Polizeibeamten auch nichts ändern. Und danach gibt es noch ein Missverständnis mit ihm: obwohl ich schon den Einreisestempel habe, braucht es noch ein weiteres Formular von der Einwanderungsbehörde. Zu dumm, dass ich das nicht verstanden habe und der Agent mich nach 20 Kilometern an der Strasse aufpickt. Zum Glück hatte ich vorher erzählt, wo ich hinfahren möchte.

Aber die Zeit für solche Extratouren habe ich ja. Und das Entschleunigen war ja auch ein Grund für die Schiffsreise. Trotzdem ging die Zeit an Bord sehr schnell vorbei. Ich hatte eine komfortable Kabine und gute Verpflegung. Es gab Sportmöglichkeiten, sogar einen kleinen Swimmingpool. Das war schon fast ein bisschen wie Kreuzfahrt. Nur besser, denn ich war der einzige an Bord, der nicht arbeiten musste und den Liegestuhl brauchte ich nie reservieren.

Zusätzlich zu den Fotos hier auf der Seite gibt es noch weitere Fotos von der Cap San Lorenzo.

Antwerpen-Paranagua.GPX (10500 km, 18 Tage)